Die Gemeinschaft – Fitra im Islam? Teil 2

Im ersten Teil habe ich eine Einführung zum Begriff Fitra gegeben und mich kurz mit der Rolle der Erziehung befasst. Heute möchte ich auf das Thema Erziehung etwas genauer eingehen und erklären, warum es so wichtig ist, eine Lebensvision und basierend darauf klare Ziele vor Augen zu haben und sich für diese zu begeistern.

Die islamische Erziehungsmethode basiert auf Liebe und Respekt

Ich habe im vorherigen Artikel erwähnt, dass Kinder aus dem islamischen Blickwinkel betrachtet, unschuldig auf die Welt kommen und dies wurde durch eine wissenschaftliche Studie mittlerweile auch belegt. Die Erziehung fasst schon sehr früh Fuß und deswegen ist die richtige islamisch fundierte Kindererziehung eines der wichtigsten Themen für verantwortungsbewusste Eltern. Verschiedene Erziehungsmethoden wurden im Laufe der Zeit überholt und dürfen bzw. sollten aus Respekt dem Menschen im Kind gegenüber nicht mehr praktiziert werden. Pädagogen, Erziehungswissenschaftler, Psychologen und Biologen beschäftigen sich vor allem seit den letzten 50 Jahren mit der Frage, wie wohl die beste Erziehung aussieht. Zum heutigen Zeitpunkt ist man nun soweit gekommen, dass es sehr wichtig ist, die Kinder zu selbstständigen und selbstbewussten Menschen zu erziehen, die dem Gemeinwohl dienen, gerecht sind und wiederum Vorbilder für die nächste Generation darstellen.

Doch sind diese Grundzüge nicht ein Teil der islamischen Religion? Sollte nicht unser erzieherisches Ziel sein, dass die guten Eigenschaften wie Glaube, Liebe, Freigiebigkeit, Bescheidenheit und Nächstenliebe im einzelnen Menschen entwickelt werden?

Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) hat uns diese Erziehung vorgelebt. Er sagt dazu: „Ich wurde nur gesandt, um das rechtschaffene Verhalten zu vervollkommnen.“ (überliefert von Bukhari). Dazu sagte Allah (subhanahu wa ta´ala):

“Und die, denen das Wissen gegeben wurde, sehen, dass das, was dir von deinem Herrn offenbart worden ist, die Wahrheit selbst ist und zum Weg des Allmächtigen, des Preiswürdigen leitet.“ (34:6)

Das heißt, dass nur durch effektives Lernen (Wissen), der wahre Sinn des Lebens (der Weg zum Allmächtigen) verstanden wird und dadurch der Glaube gefestigt und gestärkt wird. Ist dies erst einmal im Herzen verankert, so kann der Mensch nun aktiv werden. Damit er aktiv wird, braucht er Beispiele und diese hat uns der Prophet genug geliefert. Schon allein zum Thema Erziehung gibt es viele Überlieferungen:

So hat zum Beispiel der Prophet Kinder immer mit Respekt behandelt. Anas (radhiallahu anhu) sagte: „Wann immer der Prophet an einer Schar Jungen vorbei kam, lächelte er zärtlich und grüßte sie.“ (überliefert von Bukhari und Muslim). Oder: Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) sagte: „Fürchtet Allah und behandelt eure Kinder gerecht!“ (überliefert von Bukhari und Muslim). Die Liebe und Zuneigung des Propheten Kindern gegenüber wird auch in folgender Überlieferung deutlich: Al-Akraa ibn Habis sah, wie er (sallallahu alaihi wa sallam) Hasan küsste und sprach: „Wahrlich, ich habe 10 Kinder und ich habe noch keines geküsst!“, und Muhammed (sallallahu alaihi wa sallam) antwortete: „Wer keine Milde zeigt, wird keine Milde erhalten.“ Er hat uns auch aufgezeigt, welche schlechten Eigenschaften zu unterlassen sind: Er (sallallahu alaihi wa sallam) sagte: „Die Anzeichen des Heuchlers sind drei: Wenn er redet, lügt er; wenn er verspricht, erfüllt er nicht; wenn man ihm etwas anvertraut, bricht er das Vertrauen.“ (überliefert von Bukhari und Muslim).

Ich könnte hier noch viel mehr Beispiele nennen, jedoch würde es den Rahmen dieser Artikelreihe sprengen. Deswegen möchte ich zum Thema Erziehung nur noch Folgendes sagen: Vieles was heute und in den letzten Jahren durch die Wissenschaft im Bereich der Erziehung entwickelt wurde, findet man erstaunlicherweise in unseren Quellen, also im Quran und in der Sunna des letzten Propheten, wieder. Wir müssen nur anfangen, sie zu lesen, zu verinnerlichen, zu verstehen und richtig umzusetzen.

Die Erziehung im islamischen Sinne sollte also durch Liebe und Respekt geprägt sein, sie sollte gewaltfrei und ohne jegliche Unterdrückung sein. Dies würde sonst nur dazu führen, dass die Kinder in Angst leben. Angst hemmt und hinterlässt tiefe Narben in den Seelen der Kinder. Außerdem werden sie unsicher und sind oft von der Meinung anderer abhängig, also keine selbstständig denkenden Menschen.

Unsere Erziehung sollte durch Lob und Anerkennung ermutigen, sie sollte die Kinder mit Optimismus, Hoffnung und Ehrgeiz erfüllen und den Kindern einen Raum schaffen, in dem sie sich frei entwickeln können. Lob ist sehr positiv für die Entwicklung eines Kindes, selbst für einen Erwachsenen ist Lob im Leben unverzichtbar. Lob lässt uns glücklich fühlen, motiviert uns, treibt uns an. Doch was ist es, was ein Lob so wichtig für uns macht? Es liegt an unserem Gehirn.

Die Rolle des Belohnungssystems im Gehirn

Wir haben im Gehirn ein Belohnungszentrum, das durch Lob, Anerkennung, aber auch durch herzhaftes Lachen, Humor und Zärtlichkeiten aktiviert wird. Die Aktivierung des Belohnungssystems wiederum steigert unsere Aufnahmefähigkeit, erhöht unsere Denkleistung und setzt uns in Handlungsbereitschaft. Das heißt, wir werden aktiv und bleiben nicht mehr länger passiv.

Prof. Dr. Hüther hat ebenfalls in seinem Vortrag erwähnt, dass Begeisterung uns motiviert. Das mesolimbische System (Belohnungssystem) sitzt tief im menschlichen Hirn und ist an vielen emotionalen Prozessen, wie z. B. für das Empfinden von Freude, beteiligt. Sind wir von etwas begeistert, so sind wir in der Lage, alles in Gang zu setzten, um unserer Motivation Taten folgen zu lassen. Dabei helfen uns so genannte Glückshormone (vor allem Dopamin), die in dieser Hirnregion ausgeschüttet werden und diese wiederum haben zur Folge, dass in bestimmten Hirnzentren neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen geknüpft werden. Diese Verbindungen sind der Schlüssel fürs Lernen und Umdenken. Hat also jemand für eine Sache Begeisterung entwickelt, so sollte es ihm nicht an Anerkennung und positiver Kritik seitens seiner Mitmenschen fehlen. Und hier kommt wieder die Umma ins Spiel. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt in unseren Leben als gläubige Muslime.

Ein Erwachsener ist laut der Studie genauso in der Lage wie ein Kind zu lernen oder besser gesagt umzulernen und sich von alten Strukturen zu lösen. Der Unterschied liegt, wie es Dr. Hüther sagt, in der Begeisterungsfähigkeit. Kinder haben diese Begeisterungsfähigkeit “in die Wiege gelegt” bekommen, sie sind von Natur aus neugierig und wollen dazulernen. Ständig haben sie kleine Erfolgserlebnisse und selbst wenn mal etwas nicht klappt, dann versuchen sie es so lange, bis es klappt. Wichtig ist hier natürlich auch die Unterstützung der Eltern. Leider können Eltern in solchen Phasen sehr destruktiv sein, indem sie aus Liebe oder Ungeduld das vermeintliche Problem für das Kind lösen. Wird dem Kind aber zu oft eine Anstrengung abgenommen, ist das Resultat ein Kind, das nicht mehr in der Lage ist, selbstständig zu lernen oder etwas auszuprobieren. Sie sind gehemmt und werden passiv.

Eine gemeinsame Vision ist essentiell für eine erfolgreiche Umerziehung und eine erfolgreiche Gemeinschaft

Eines der besten Beispiele, dass auch ein Erwachsener in der Lage ist umzulernen, zeigt die Umerziehung der Götzendiener zur Zeit von Muhammad (sallallahu alaihi wa sallam). Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) hat es geschafft, die schlechten Manieren und Taten, wie Unterdrückung der Frau, Sklavenhaltung, Begraben von weiblichen Babys und natürlich die Vielgötterei aus den Köpfen und Herzen der Menschen zu schaffen. Die Araber waren für ihre Härte und Grobheit und vielen Stammesfehden bekannt. Doch nach 23 Jahren Umerziehung war die islamische Gemeinde damals die mit dem besten Anstand und den besten Gesetzen zur Einhaltung von Menschenrechten.

Wenn also jemand behauptet, er sei erwachsen und würde dies oder jenes nicht mehr ändern können, dann liegt es wohl eher daran, dass er nicht wirklich eine starke Lebensvision hat. Die Muslime sollten als ihre höchste Vision das ewige Leben im Paradies vor Augen haben und mit dieser gemeinsamen Vision haben es die damaligen Araber ebenso geschafft, sich umzuerziehen. Warum schaffen wir das heute nicht mehr? Sind wir wirklich so träge geworden? Wenn Muhammad (sallallahu alaihi wa sallam) es geschafft hat, so sollten wir seinem Beispiel folgen, so wird auch unsere Umma wieder erblühen. Bestätigend dazu folgender Vers:

“Sag: wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. So liebt euch Allah.” (3:31)

 

Und Allah hat auch gesagt:

“Wahrlich, Allah ändert nichts am Zustand der Menschen, bis sie das ändern, was in ihrem Inneren ist.” (13:11)

Das heißt also: Ändere erst einmal dich selbst und dann wird dir von Allah geholfen, dass auch deine Umgebung sich ändert. Denn die Erziehung als Teil unserer Religion ist mit dem Ziel verbunden, eine gesunde islamische Gesellschaft zu formen. Diese Gesellschaft sollte sich aus Muslimen zusammensetzen, die überzeugt sind, dass der Mensch nur für Allah allein lebt, zu Ihm zurückkehren wird, dass er dadurch für sein eigenes Wohl sorgt und gleichzeitig für das Allgemeinwohl. Es sollte also kein Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft oder Identität und Anpassung bestehen, denn das Individuum sollte sich als Teil der Gemeinschaft fühlen, in ihr aufgehen – er ist für sich selbstverantwortlich, aber er trägt Mitverantwortung für das Funktionieren der Gesellschaft. Jesper Juul definierte die Familie als “eine (befristete) existentielle und emotionale Einheit (in: Das kompetente Kind) und ich persönlich finde das sehr schön formuliert. Denn die Familie ist die kleinste gesellschaftliche Einheit, in der die Kinder ab der Geburt beeinflusst werden, lernen zu kooperieren oder nachahmen. Der Kreis der Personen, die auf das Kind Einfluss ausüben, wird dann mit dem heranwachsenden Kind immer größer.

Deswegen schau genau, wie dein Umfeld ist, denn es prägt dich und deine Familie. Abu Huraira (radhiallahu anhu) berichtete, dass der Gesandte (sallalahu alaihi wa sallam) sagte: „Der Mann hat den Charakter seines engsten Freundes. Drum soll jeder von euch schauen, wen er sich als engsten Freund nimmt.“ (berichtet von At-Tirmidhi; Sheikh Al-Albani stufte ihn als hasan ein). Wenn im Arabischen die Rede von „Mann“ ist, dann gilt es genauso für die Frau, es sei denn, es wird darauf hingewiesen, dass es eine spezifische Regelung für den Mann ist. Such dir aus, mit wem du zusammen bist, denn deine Umgebung prägt dich.

Ein deutsches Sprichwort sagt passend dazu: Zeig mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist.

Ich möchte mit diesem Sprichwort abschließen und würde mich freuen, wenn du mir nach dem Lesen des Artikels einen Kommentar hinterlässt. In scha´Allah folgt in den nächsten Wochen der dritte Teil dieser Artikelreihe.

“Und sprich: O mein Herr, mehre mein Wissen.” (20:114)

Amin!

Siehe auch: Teil 1

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